Reisebericht Moskau 2002
Reisebericht Moskau 2002 Mit der schönste Teil an Motorradreisen ist die Planung und Vorbereitung. So wurden noch während der letzten größeren Motorradtour - Ligurische Grenzkammstraße - die ersten Überlegung angestellt, welches besondere Ziel denn als nächstes unbedingt angefahren werden sollte. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wurden denn auch die Ideen immer waghalsiger, bis irgendwann das magische Wort Moskau im Raume stand. Wieder zu Hause angekommen unternahmen wir die ersten zaghaften Versuche Infomaterial anzusammeln und mussten bereits nach kurzer Zeit feststellen, dass Informationen über die von uns gewünschte Tour relativ rar waren und sich eine Vielzahl von kleineren Problemen auftaten.
So reicht das Kartenmaterial des ADAC, das für eine erste Planung immer eine gute und preiswerte Alternative darstellt, eigentlich nur bis zur Grenze nach Weißrussland, bzw. in die baltischen Staaten. Über Russland und Weißrussland indes gibt es nur allgemeine Einreiseinformationen. Auch die Recherche im Internet war wenig ergiebig, da der Landweg nach Moskau für Motorradfahrer wohl eher die seltenere Alternative ist und meist die Fähre über das Baltikum oder Petersburg genutzt wird. Aus den Infomaterialien des ADAC, wie auch des auswärtigen Amtes, waren jedoch die groben Rahmenbedingungen zu entnehmen. Sascha war darüber hinaus irgendwann in einen von seinen vielen Studiengängen und ungezählten Semestern als Lehrer in Moskau tätig - allerdings als Deutschlehrer in einer Deutschklasse, was er wohlweislich verschwiegen hatte - und verfügte so über, natürlich weibliche, Kontakte nach Moskau. Auch die Befragung der Mandantschaft war zum Teil recht ergiebig, andererseits allerdings auch abschreckend. So reichten denn die Reaktionen von Beschreibungen, dass die wilden Zeiten vorbei seien, bis hin zu der Mutmaßung, dass eine solche Tour zwingend mit dem Verlust von sämtlichen Hab und Gut enden müsse. Um es vorweg zu nehmen, wir haben selten eine Tour gefahren die in der Vorbereitung derart teuer und aufwendig war. Allein für die Durchführung von Impfungen und den Erwerb von Visa mussten wir erhebliche finanzielle Mittel aufwenden, wobei wir uns, nach bekannt werden der Durchfahrtspreise durch Weißrussland dafür entschieden hatten über Polen, Litauen und Lettland nach Russland einzureisen. Da wir keine Kenntnis von der Versorgungslage hatten, haben wir zudem die Motorräder mit größeren Tanks und Reservekanister versehen, sowie diejenigen Ersatzteile gepackt, von denen wir ausgehen konnten, dass sie, etwa im Falle eines Sturzes, ersetzbar sein mussten. Je näher die Abreise rückte und je mehr Impftermine durchzuführen waren, desto geringer wurde die Anzahl der Mitstreiter, so dass wir letztendlich am 23.05.2002 noch zu dritt an den Start gegangen sind. Es mangelt uns nicht an Erfahrungen mit großen und weiten Motorradtouren, auch unter extremsten Bedingungen. Wer jedoch noch nie in osteuropäischen Ländern eingereist ist, wird kaum nachvollziehen können, dass, so ist es zumindest bei mir, sich regelmäßig ein Gefühl einschleicht, als ob man beim Grenzübertritt hinter einen dunklen, grauen Schleier fährt. Die Einreise nach Polen war für uns als Motorradfahrer vollkommen unproblematisch, obgleich die wilde Bepackung für manchen Zöllner hätte von Interesse sein können. Darüber hinaus waren die anderen grenzüberschreitenden Personen so tolerant, das wir mit dem Motorrad nahezu bis vorne an den Schlagbaum an der Schlange vorbeifahren konnten und die Grenze bei Frankfurt/ Oder ohne lange Wartzeiten passieren durften.
Abgesehen von den Reparatureinlagen an der MZ Baghira von Sascha,
gestaltete sich die Durchquerung Polens unproblematisch. So durften
wir, gegen die Gebühr von 20,-- $, im Park des Hotel Zentral in
Konin übernachten. Bereits hier stellten wir fest, dass die
osteuropäische Bevölkerung einen Hang dazu hat aktuelle internationale
Schlager in eigener Landessprache lautstark bis in die frühen
Morgenstunden wiederzugeben. Die Straßenverhältnisse sind, zumindest
anfänglich, gewöhnungsbedürftig, aber durchaus machbar. Schwer bepackt
sollte man doch darauf verzichten sich Wettrennen mit wilden
LKW-Fahrern zu liefern, da Motorradreisende als eher unbekanntes
Phänomen kaum wahrgenommen werden.
Die Einreise nach Litauen – Grenzübergang Suwalki - gestaltete sich
ähnlich unproblematisch, allerdings ist seit dem März diesen Jahres
eine besondere Kfz-Versicherung erforderlich, die erst unmittelbar vor
Grenzübertritt erworben werden kann, dann aber dankenswerterweise für
mehrere Wochen gilt. Ist man in Litauen erst einmal von den
Hauptverbindungstrassen runtergefahren, fängt die Fahrt an richtig
abenteuerlich zu werden. Die Verbindungsstraße nach Utenus/ Trakei
passt sich nicht nur der hügeligen Landschaft an, sondern wird
zunehmend schmaler und sandiger bis die letzten Reste Asphalt unter
den Verwehungen verschwunden sind.
Den Reisenden in das Baltikum ist vor allen Dingen anzuraten
Landeswährung mitzuführen, bzw. schnellstmöglich einzutauschen, da in
den Geschäften nicht die Bereitschaft bestand Euro oder Dollar zu
akzeptieren und Kreditkarten, so denn überhaupt, nur auf Tankstellen
eingesetzt werden konnten. Die Tankstellen sind jedoch
glücklicherweise westlichen Standards angepasst und verkaufen neben
Treib- und Schmierstoffen auch Piwo, so dass die Abende bei Tütensuppe
und Bier doch recht annehmbar waren.
Die Streckenführung an sich macht bereits so viel Freude, dass wir
eigentlich selten größere Besichtigungen durchführten. Ein Muss auf
unserer Streckenführung war jedoch insoweit der Mittelpunkt Europas,
der auf der Strecke nach Utenos tatsächlich mit Centros Europos 0,3 km
ausgeschildert ist, wobei die Strecken dann unmittelbar im Busch
endet. Erst nach fast zweistündiger Suche konnten wir den Stein der
Waisen mitten auf einer Wiese finden, wobei die Inschrift bereits
durch vielfach abgehaltene Feierlichkeiten verblichen war.
Einreise und Durchfahrt durch Lettland war bereits deutlich spannender
als diejenige durch Litauen. So habe ich es zum ersten mal erlebt das
zwar das Gepäck nicht kontrolliert wurde, jedoch die Fahrzeuge mit
einem Geigerzähler überprüft wurden.
In Daugapils ( Dünaburg ) trafen wir auf den örtlichen Motorradclub
die uns sogleich zu abendlichem Gelage einluden, doch im gleichen
Atemzug bereits festgestellt hatten, dass der in meiner alten BMW
befindliche Motor in den Rahmen der Ural des Präsidenten passen würde.
Angesichts dieser technischen Ausführungen haben wir es vorgezogen die
Stätte der Gastlichkeit zügig zu verlassen, wobei wir dabei nach
Auskunft der örtlichen Polizeibehörde innerorts 82 km/h erreicht haben
sollen.
Schon unabhängig davon, dass ein Ortsschild nicht ersichtlich war -
auf der Rückfahrt haben wir gesehen, dass vielfach zerstörte
Betonschriftzeichen im hohen Gras stehend auf Städte hinweisen - wäre
es kaum möglich gewesen diese Strecke mit einer Geschwindigkeit von 82
km/h zu befahren. Aber auch in Lettland gilt, wer vorne fährt bezahlt,
woraufhin ich in eine längere Diskussion mit dem Polizeibeamten
verwickelt war. Dieser bestand auf Begleichung der Strafe in
Landeswährung und wollte uns anweisen das Geld bei der örtlichen Bank
einzuzahlen. Auch in Lettland sind die Dienstleistungsbetriebe noch
nicht soweit entwickelt, dass Samstagsabend und Sonntag die Banken
offen haben, nachdem der Kollege jedoch den Polizeiwagen verlassen
hatte und ich ein Dutzend Unterschriften erbracht hatte, war der
Beamte bereit 50,-- $ entgegen zu nehmen und uns weiterfahren zu
lassen.
Die Warnungen von ADAC und Auswärtigen Amt, wonach bei
Verkehrskontrollen das vielfach wohl kärgliche Einkommen der
Ordnungsbehörden aufgebessert wird, ist keine leere Darstellung. Diese
Erfahrung mussten wir auch in Russland noch mehrmals machen, wobei
gerade dort festzustellen ist, dass die Tarife in Russland deutlich
günstiger sind und die Angelegenheit eher von der humorigen Seite
betrachtet wird. So wurden wir auf russischer Landstraße mit knapp 115
km/h - bei den dortigen Straßenverhältnissen richtig schnell -
geblitzt und entgegen dem Grundsatz „ wer vorne fährt bezahlt „
erklärte uns der Polizist lächelnd, dass wir nicht nur 100,-- Rubel,
sondern 300,-- Rubel zu zahlen hätten, da wir ja alle drei vorne
gefahren seien.
Auch die Einreise nach Russland war wiederum erstaunlich
unproblematisch, wobei wir hier als Motorradfahrer richtige Exoten
waren. Die von uns gewählte Strecke ist für westliche Nutzer
anscheinend eher ungewöhnlich und war überwiegend nur durch russische
LKW, die in kilometerlangen Schlangen vor der Grenze standen, genutzt.
Die Verständigung mit den Grenzbeamten gestaltete sich ausgesprochen
schwierig, da diese ebenso wenig englisch wie wir russisch - außer
Sascha (er kann zumindest tschuschut) - sprachen. Wenn wir die
Grenzübertrittsformalitäten richtig verstanden haben, dann kommt es
letztendlich wohl nur darauf an, ähnlich wie bei den Einreisen nach
Übersee, dass überall Nein angekreuzt ist, man also nicht zum Zwecke
der Ausübung krimineller Tätigkeiten einreist und insbesondere das
Fahrzeug welches eingeführt wird auch wieder ausführt. Dieses
eigentlich unscheinbare Zettelchen ist zwingend aufzubewahren, da
andernfalls das eigene Fahrzeug nicht wieder ausgeführt werden kann,
bzw. für den Verlust des Fahrzeuges erhebliche Formalitäten anstehen.
Im Zeitalter des Mobiltelefons hatten wir selbstverständlich auch
Handys dabei, die wir jedoch wegen der Genehmigungspflicht an der
Grenze nicht angegeben hatten. Nach meiner Auffassung empfiehlt es
sich zumindest die Karte aus dem Handy zu entfernen, da für den Fall,
dass das Handy konfisziert wird, zumindest die Karte erhalten bleibt.
Hinsichtlich der mitgeführten Devisen fand gleichfalls keine Befragung
statt, dass Ausreiseverbot für Rubel scheint jedoch nach wie vor
Gültigkeit zu haben.
Über die Ländergrenzkontrollen hinaus hat die Militärpolizei nach wie
vor die Befugnis jederzeit und allen Ortes ihrerseits Passkontrollen
durchzuführen, wovon das russische Militär auch bereits wenige
Kilometer hinter der Grenze Gebrauch machte. Gegen den Erwerb eines
Prospektes für die aktuell stattfindenden Indoor Motocross
Meisterschaften in Petersburg zum Preis von 5,-- $ war die
Weiterfahrt jedoch gleichfalls ohne Kontrolle möglich.
Da weder Hotels noch Zeltplätze auf der Strecke nach Moskau vorhanden
sind und wir mehrfach von dem gleichen verdunkelten Geländefahrzeug
überholt worden waren, haben wir es vorgezogen auch hier die Nacht im
Wald zu verbringen, wobei wir festgestellt haben, dass die russischen
Mücken es ohne weiteres mit den finnischen aufnehmen können.
Ob die russischen Straßen besonders schwierig zu befahren war, lässt
sich im nachhinein schwer beurteilen, da man sich irgendwann an
breite, lange und Quer- und Längsrisse gewöhnt hat und seine Fahrweise
anpasst. Das gefährlichste an den Straßen sind die übrigen
Verkehrsteilnehmer die ihr Fahrzeug vollkommen rücksichtslos führen.
So sind LKW die über enge Landstraßen mit Vollgas fahren ebenso keine
Seltenheit, wie eben solche ausgebrannten LKW-Wracks die wegen
erhöhter Geschwindigkeit nicht mehr rechtzeitig abbremsen konnten.
Darüber hinaus vollzieht sich auf den Straßen in der Nähe von
Ortschaften in erheblichen Umfang das gesellschaftliche Leben, so
werden Stockfisch, selbstgegerbte Fälle und Marmelade, kurz jede
erdenkliche Ware unmittelbar am Straßenrand angeboten, was bei
plötzlichem Kaufentschluss des passierenden Autofahrers zu eben so
plötzlichen Bremsmanövern führt.
Auch die russischen Tankstellen sind eine Anmerkung wert, zeigt sich
doch hier der sprichwörtliche russische Erfindergeist. So lässt sich
ein Auto selbstverständlich schon dadurch betanken, dass man das
Tankfahrzeug einfach auf Paletten setzt und durch den Druck des
herabfließenden Benzins die Befüllung erreichen kann.

Wirklich gefährlich wird es auf den letzten 100 Kilometern in Fahrtrichtung Moskau. Hier ist die Straße zur Autobahn ausgebaut. Die Straße wurde nach Auskunft unserer Gastgeber in Moskau seinerzeit errichtet um den Bonzen eine möglichst schnelle Anbindung an ihre Datscha zu ermöglichen. Heutzutage scheint die Autobahn eher der allgemeinen Volksbelustigung und der Ausübung des Rennsports zu dienen, wobei sich der russische Autofahrer auch nicht scheut sein Auto mitten auf der Autobahn abzustellen um Sehenswürdigkeiten genauer in Augenschein zu nehmen. Auf der im Stadtinnenbereich fünfspurigen Autobahn tummeln sich 7 bis 8 Fahrzeuge nebeneinander, wobei es vollkommen unerheblich ist ob links oder rechts überholt wird und ob der Überholvorgang bereits abgeschlossen ist wenn die Spitze des Fahrzeug am zu Überholenden vorbei ist. Darüber hinaus drängte sich uns der Eindruck auf, dass das eigentlich vorhandene Alkoholverbot am Steuer keine größere Beachtung findet. Mit dem Motorrad vor der Basiliuskathedrale angekommen, hatten wir bereits nach wenigen Minuten die ersten Schaulustigen um uns versammelt die sich auf den Motorrädern fotografieren lassen wollten. Sämtliche Interessenten waren dabei in eine dichten Alkoholwolke gehüllt. Nach meiner Einschätzung stellt gerade Unterkunft und Unterbringung in Moskau das größte logistische Problem dar. Einzel- und Individualtourismus ist, zumindest außerhalb des Ballungsraumes eher unbekannt. Glücklicherweise hatten wir die Möglichkeit bei Saschas Freunden – Danke Tatjana, Danke Mascha - unterzukommen, wobei Tatjana auch noch über eine Garage verfügte. Gerade das Garagenwesen in Moskau ist einer besonderen Anmerkung wert. Der Erwerber eines Fahrzeuges erhält regelmäßig von dem Betreiber eines Parkplatzgeländes die Offerte zum Erwerb, bzw. zum Vertragsschluss für einen bewachten Stellplatz. Lehnt er dieses Angebot ab, so wird er feststellen, dass sein Fahrzeug in der Folgezeit so erhebliche Schäden davon trägt, dass er gerne bereit ist die nun höhere Miete für den Erhalt eines Parkplatzes zu zahlen. Je teuerer und neuer das Auto ist, desto höher ist auch der Bewachungsaufwand. Tatjanas Unterstellplatz ist denn auch eine aus mehreren Millimeter dickem Stahlblech gefertigte Box, die innen wie außen mit einer Alarmanlage versehen ist und mit einer Tresorschloss ähnlichen Schließanlage abgeschlossen wird. Darüber hinaus ist die Parkanlage Tag und Nach beleuchtet und zusätzlich durch einen Hund bewacht. Auch russische Wohnhäuser sind eine Sehenswürdigkeit für sich. So benötigt man zum Betreten der Hausflure keinen Schlüssel, sondern eine Zahlenkombination die über einen mechanischen Drücker funktioniert. Dies grundsätzlich praktische Prinzip funktioniert jedoch nur solange wie die Mitreisenden auch die richtigen Zahlen mitteilen – sonst heißt es ab in den Busch. Während unseres Moskauaufenthaltes haben wir die Motorräder im Gewahrsam gelassen. Erst am Abend der Abfahrt, wir waren für den Abend noch auf die Datscha eingeladen, haben wir die Motorräder aus dem Safe geholt, wobei der interessierten Jugend in der näheren Umgebung wohl erst zu diesem Zeitpunkt aufgegangen ist, welche Objekte sich in der Garage befunden hatten. Hinsichtlich des Begriffes Datscha muss die westliche Vorstellung doch eine erhebliche Korrektur hinnehmen. Was wir uns unter Schrebergarten oder Laube, eben Datscha, vorstellen, entspricht auf weiten Teilen nicht mehr der russischen Realität. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl von kleinen ärmlichen und kargen Gärten, andererseits mindestens in ebenso großen Umfang Wochenendhausanlagen in denen zwei und mehrstockige Villen stehen, die mit modernsten Standards eingerichtet sind. Bei unserer Abreise haben wir die wohlgemeinten Ratschläge unserer Gastgeber hinsichtlich der Streckenführung ausgeschlagen. Mit Vehemenz wurde die Auffassung - vor allen Dingen von mir - vertreten, dass es einfacher sei eine Streckenführung aus dem Moskauer Straßengewühl heraus zu wählen die bekannt sei, als über eine unbekannte Strecke bei der nicht einmal bekannt war ob sie aktuell befahrbar war. Leider haben wir uns nicht gründlich genug anhand der Landkarte orientiert. So kamen wir denn mehr oder minder freiwillig in den Genuss der Moskauer Rush-hour, die derjenigen sämtlicher anderen bekannter großen Städte in nichts nachsteht. Auch die Vorteile die man sonst gelegentlich als Motorradfahrer beim Passieren von Kolonnen hat, relativieren sich im Moskauer Straßenverkehr doch recht schnell, da der Standstreifen ohnehin vollumfänglich für den Verkehr genutzt wird und auch Rettungsfahrzeuge wahrscheinlich kaum eine Chance haben dürften durch dieses Verkehrschaos durchzufahren. Lediglich die Trennung zwischen den Fahrbahnen, bestehend aus einer Betonhohlkehle, bietet gelegentlich die Möglichkeit den Stau schneller zu passieren, wobei auch hier höchste Aufmerksamkeit geboten ist. So sind schadhafte Stellen am Beton nicht etwa mit Füllmaterial ausgebessert worden, sondern die ganze Abtrennung wurde zur optischen Verschönerung schlichtweg lackiert. Der Lack haftet zwar nicht an dem staubigen Beton, dafür um so besser über Tage hinweg im Profil der eigenen Reifen, so dass schnellere Kurvenfahrten und Bremsmanöver in der Folgezeit zunächst eingeschränkt waren. Nach Verlassen der Peripherie musste Marcus feststellen, dass der weise Fleck auf seinem Hinterrad nicht etwa Farbe gewesen war, sondern ein Befestigungsstift, der ein erhebliches Loch in seinen Hinterreifen gerissen hatte. Nach dem Motto "Kupplung ziehen ist immer gut" konnte er sein Motorrad unter heftigen Schlingerbewegungen jedoch noch mehr oder minder regelgerecht an der Leitplanke zum Stoppen bringen. Bei der Demontage stellte sich heraus, dass Marcus aus Kostengründen auf das Einziehen eines Schlauches ebenso verzichtet hatte, wie auf das Mitführen eines Mantelreparatursets. Möglicherweise haben die Konstrukteure von BMW schon in den Urzeiten daran gedacht, dass alte klapprige XJ mitgeführt werden würden und die Reifengröße in etwa angepasst, so dass die Reparatur, abgesehen von den Autofahrern, die mit hoher Geschwindigkeit möglichst nah an uns vorbeifuhren um auch ja nichts zu verpassen, eigentlich unproblematisch war. Die, von uns als Notreparatur gedachte Instandsetzung hält übrigen immer noch, getreu dem Motto von Marcus "was läuft, läuft" und wird wahrscheinlich erst mit dem nächsten Reifenwechsel geändert werden. Die Rückfahrt, die insoweit bis zum Eintritt nach Polen nahezu die gleiche Streckenführung hatte, war eigentlich schon unspektakulär, da wir uns erstaunlich schnell sowohl an die Straßenverhältnisse, wie auch an die Verhaltensweisen der Ordnungsbehörden und Grenzbeamten gewöhnt hatten. Nach obligatorischer Übernachtung im Wald, was sich in Lettland wegen der doch recht dichten Besiedlung durch Bauernhöhe etwas schwieriger gestaltete, musste der Chef der Grenzpolizei nach Litauen unbedingt eine Spritztour mit der XJ ausführen. Der vorschriftsmäßig bekleidete Beamte, einschließlich gestärktem Hemd, Krawatte und Schirmmütze, hatte die Leistung der XJ augenscheinlich unterschätzt, konnte jedoch bereits nach wenigen Metern wieder das Vorderrad auf den sandigen Untergrund der Straße aufsetzen. Der Ehrenrettung halber sei zugestanden, dass er die darauffolgende Strecke mit einer Geschwindigkeit zurückgelegt hat, die wir uns aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zugetraut hätten, ohne dabei zu größerem Schaden zu gelangen. Dieses kleine Intermezzo spiegelt nach meinem persönlichen Eindruck auch ein wenig die verschiedenen Mentalitäten der Balten wieder. So habe ich den Eindruck, dass die Litauer fröhlicher und aufgeschlossener auf andere zugehen, währen die Letten eher zurückhaltend und formeller waren. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Einreise nach Polen als Annäherung an die gewohnten Verhältnisse empfinden würde. Gerade aber die Rückfahrt durch die Masuren war mit einer der schönsten Streckenabschnitte. Sobald die stark befahrenen Streckenabschnitte verlassen sind, eröffnen sich optisch ansprechende und fahrerisch anspruchsvolle, kurvenreiche Alleenstraßen über viele Kilometer hinweg, so dass endlich die Gelegenheit bestand die viereckig gefahrenen Reifen wieder ein wenig abzurunden und das Bild zu harmonisieren. Marcus nutzte die Gelegenheit sogar um sein Motorrad wieder aerodynamischer zu gestaltet, indem er durch zu intensive Kurvenlage den linken Koffer von seiner XJ abgerissen hat. Wir haben allerdings auch gemutmaßt, dass das möglicherweise bewusst herbeigeführt worden ist, um das Gepäck auf unsere Motorräder umladen zu können und sodann mit weniger Ballast wieder die Spitze erobern zu können. In der Erwartung nunmehr als erfolgreicher Heimkehrer an der Grenze mit Jubel überschüttet zu werden, haben wir uns dem Grenzübergang Frankfurt/ Oder angenähert, um dort von einer fülligen blonden Grenzbeamtin mit den lapidaren Worten "Und Tschüss" über die Grenze gewunken zu werden. Nach diesem reichlich ernüchternden Empfang in der gelobten Republik haben wir unsere Tour in Fürstenwalde ausklingen lassen. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorstehende Reisebeschreibung trotz ihrer Ausführlichkeit nur eine summarische Zusammenfassung darstellt. Auch wenn wir ohne größere Probleme und wohlbehalten durchgekommen sind, ist das Risiko der von uns gefahrenen Tour nicht zu unterschätzen. So haben wir wenige Wochen nach unserer Rückkehr auch erfahren, dass ein Freund von uns, der über Riga eingereist war, dort bereits kurz nach seiner Ankunft von einem betrunkenen Autofahrer schwer verletzt worden war und auch aktuell wohl immer noch in einem baltischen Klinikum weilt. Gerade der geplatzte Reifen auf der Stadtautobahn von Moskau oder auch die in Polen verpasste Kurve hätten erheblich schlimmer enden können. Selbstverständlich gibt es auch in den noch so entlegensten Gegenden wahrscheinlich irgendwie ärztliche Versorgung, man muss sich jedoch vor Augen führen, dass dies aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so schnell der Fall sein wird wie dies bei uns ist. So gibt es in Litauen beispielsweise noch einen Überlandkrankendienst, der Bushaltestellen anfährt und dort die Patienten zur Behandlung abholt und gegen Abend wieder zurückfährt. Dies sei nur als Beispiel dafür angeführt, dass gegebenenfalls medizinische Erstversorgung in der Hand der Mitfahrer liegt. Auch Übernachtung und Unterbringung gestalten sich unter Umständen schwierig. Zwar gibt es, ausweislich des Campingführers, auch in Russland etwa drei oder vier Campingplätze, diese haben jedoch den Nachteil, so man sie denn findet, dass die gesamte Umgebung weiss wo man lagert, so dass nach meiner Auffassung die Alternative das Übernachten im Wald die sichere Variante ist. Nach alledem bleibt festzuhalten, mit der schönste Teil an Motorradreisen ist die Planung und Vorbereitung. So wurden noch während der letzten größeren Motorradtour - Moskau - die ersten Überlegung angestellt, welches besondere Ziel denn als nächstes unbedingt angefahren werden sollte und Bosporus hört sich doch spannend an. Michael Witsch