Reisebericht Alpentour 2005

Die Abfahrt der wohlgerüsteten Truppe geht diesmal recht pünktlich
vonstatten. Darauf eingerichtet, dass die Schnürstiefelfraktion
regelmäßig das akademische Viertel nutzt, wurde dieser mitgeteilt,
dass die Abfahrt um 14.30 Uhr stattfindet, der Rest der Truppe trifft
sich sodann gegen 15.30 Uhr. Hätte ich geahnt, dass vorbezeichnetes
Mitglied um Pünktlichkeit zu demonstrieren zusätzlich noch eine halbe
Stunde früher kommt, hätte ich derartige Vorsichtsmaßnahmen
selbstverständlich unterlassen. Daher fängt diese Berichtserstattung
mit einer großen, aufrichtigen, mein tiefstes Bedauern zum Ausdruck
bringenden, Entschuldigung, an.

Die Abfahrt von Düsseldorf gestaltet sich unproblematisch, stilecht finden wir auch einen spanischen Getränkehandel um unsere Internationalität zu demonstrieren. Die Nachtfahrt verläuft unproblematisch, irgendwann sind auch die Warsteiner Biervorräte der Bordbar erschöpft, was ebenfalls kein Problem darstellt, da die letzten Getränke bereits die von Kennern geschätzte Genusstemperatur von Rotwein erreicht hatten. In den frühen Morgenstunden des 23.Juni erreichen wir wohlbehalten Bozen und müssen in brütender Hitze etliche 100 Meter bis zur Entladung vormarschieren. Dort angekom-men, beschließen wir den Urlaub vollkommen stressfrei zu gestalten und schauen uns zunächst die Parade der gleichfalls angereisten Motorräder an. Festzustellen ist dabei insbesondere, dass wir hubraumtechnisch weit hinterher hinken, der Autoreisezug wird litergewaltig beherrscht von Harleys oder BMW.
Besondere Aufmerksamkeit erregt ein BMW-gerüstetes Pärchen, das mit
Koffern und Packsäcken etwa die Ausmaße eines Scheunentors erreicht.
Irgendwann haben wir uns dann auch durchgerungen loszu-fahren und
schaffen es tatsächlich ohne Zwischenstopp bis Naturns, wo wir in aller
Bescheidenheit ein Eis zu uns nehmen.

wir endlich, trotz des Versprechens der Stressfreiheit, eben selbigen
abbauen und etwaig noch vorhandene Aggressionen im freien Blasen zum
Stilfzer Joch loswerden. Irgendwann schließt ein BMW-Fahrer zu uns
auf, dem wir es aufgrund eines enormen Egoschubes jedoch unmöglich
machen uns zu überholen. Wahrscheinlich hat sich der Knabe gewundert,
dass wir es noch schaffen mit den alten Motorrädern und blockierenden
Rädern um die Kurven zu rutschen. Jedenfalls überqueren wir als erste
die Ziellinie um die Ruhe und Abgeschiedenheit der Bergwelt zu
genießen ;-)

Der Versuch das Ortlerhaus zu erreichen, scheitert in der zweiten
Kehre, da ich es einfach nicht mehr schaffe den Motor auf Touren zu
bringen, darüber hinaus muss ich gestehen, dass ich auch ein wenig an
die Rückfahrt auf der enorm steilen Rampe gedacht habe.
Martin weist Sascha und Klaus noch in den Verlauf der weiteren Strecke
ein, da wir nach nur wenigen hundert Metern vom Gipfel des Stilfser
Joches rechts Richtung Swizzeria abbiegen müssen. Es kommt wie es
kommen muss, zwei rechts, zwei links, zwei oben, zwei unten, und so
warten Martin und ich am Umbrail lange und vergeblich auf Sascha und
Klaus.

Die beiden können wir dann etliche
Kehren und viel weiter unten Richtung Bormio sehen. Glücklicherweise
sind wir dank des überall präsenten Mobilfunks in Lage Kontakt
aufzunehmen und den Weg zum Campingplatz in Sankt Maria zu erklären.
Und während die einen dann noch ein wenig über rechts, links, oben und
unten sinnieren, sind die anderen bereits mit der Beschaffung der
Verpflegung beschäftigt.

Tatsächlich können wir in Sankt Maria denn auch trotz teilweisem
Ruhetag vier frische Schnitzel, vier Würste und vier Lammspießchen zu
dem zarten Preis von 42,-- Franken erwerben. Müßig zu erwähnen,
dass das Bier ähnliche Dimensionen erreicht. Vor den Genuss ist
allerdings erst mal die körperliche Fitness gefodert.

Was große Alpenreiseführer und
Motorradberichterstatter in zwei Wochen befahren, das können wir auch
in einem Tag und so geht am frühen Morgen die wilde Jagd schon los
über den Ofenpass, den Fluela (2383 m) runter – aber nicht ganz -
Richtung nach Davos - Tiefencastel - Julierpass (2284 m) bis nach St.
Moritz.
St. Moritz, mondän wie eh und je, verfügt nunmehr auch über einen
Yachtclub, der mit 1822m Höhe wahrscheinlich einer der weltweit
höchsten Vereine sein dürfte.
Unmittelbar an St. Moritz schließt sich der Berninapass (2328 m),
sowie wenig später der Forca di Livigno. Dort, nach alter Sitte zwei
rechts, zwei links teilt sich der Trupp, nachdem wir festgestellt
haben, dass man auch zu einem Bruchteil der Kosten für die gestrige
Verpflegung immens einkaufen kann, was jedoch daran liegen dürfte,
dass Livigno zollfreie Zone ist.
Und so geht es im abendlichen Regen über den Passo Foscagno in
Richtung Bormio, bzw. Stilfzer Joch. Auf dem Weg dorthin sind mehrere
Kehren und Kurven, in unbe-leuchteten Tunnelanlagen zu durchqueren.
Das stellt grundsätzlich kein Problem dar, abgesehen von dem zum Teil
verkehrsbehindernden BMW Fahrer. So treffen wir vor uns in einer Kehre
einen bis zur Unbeweglichkeit in Regenjacken eingehüllten Mann, der
mit ausgestreckten Beinen und weniger als Schritttempo versucht seine
260 kg schwere BMW um die Kurve zu wuchten.
Glücklicherweise können wir diesem Hindernis ausweichen, wobei wir
davon absehen den Gnadenstoß zu verpassen.
Und wieder geht es von oben nach unten Richtung Swizzeria,
mittlerweile sind die Sprachkenntnisse der Mitreisenden auch soweit
ausgefeilt, dass sie die Richtungen erkennen zum Campingplatz nach St.
Maria, wo wir im einsetzenden Regen unter der einzig mitgeführten
Plane grillen müssen.

der Campingplatz in St. Maria ist, so ungünstig ist er zum Teil
gelegen, denn um von hier aus weiter Richtung Süden zu kommen geht es
am nächsten Morgen wieder über Umbrail (2503 m), sowie sodann runter
nach Bormio, wobei wir tatsächlich mittlerweile eine Übereinstimmung
von oben und unten haben, sowie weiter über den Passo Gavia (2621 m).
Der Gavia ist mittler-weile enorm entschärft, asphaltfreie Strecken,
wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war, gibt es so gut wie gar
nicht mehr, zum Teil ist sogar mittlerweile auf der einspurig
geführten Strecke eine Leitplanke angebracht. Ungefährlich ist der
Gavia aber bis heute noch nicht, gleichwohl hat er nach meiner
Auffassung erheblich an Reiz verloren, zumal die Strecken mittlerweile
auch deutlich stärker frequentiert sind, als dies noch vor wenigen
Jahr war.

Nach dem Passo di Tonale (1888 m) geht es dann Richtung Mendelpass/Bozen um den von Martin bevorzugten Campingplatz in Sanonico aufzusuchen. In Sanonico soll es auch die weltbeste Pizza geben, die ist jedoch bei unserer Ankunft anscheinend so gut, dass man einen weiteren Ofen installieren muss und wegen der erforderlichen Umbauarbeiten aktuell überhaupt keine Pizza gebacken wird. Glücklicherweise hat der nebenan befindliche Krämer noch auf und, wie jeder gute italienische Kramladen ein Sortiment, dass jedem guten deuten Supermarkt zur Ehre gereichen würde. Nachdem Martin noch fachgerecht die Schnitzel in den Resten des Gurkensaftes eingelegt hat, kann wiederum ein fröhliches Grillen unter der Plane beginnen. War bereits am gestrigen Tag ungeheures Verkehrsaufkommen zu verzeichnen, so wird dies am heutigen Sonntag noch um vielfaches übertroffen. Die Abfahrt über den Mendelpass, die ansonsten landschaftlich sehr ansprechend ist und einen wunderschönen Blick über Bozen ermöglicht, ist durch quälende Kolonnenfahrerei geprägt, zudem quetschen sich noch vollkommen übermotorisierte Zweiradfahrer an uns vorbei. Die hohen Geschwindigkeiten und die Passgenauigkeit in den Fahrzeuglücken können die Jungs selbstverständlich nur erreichen, weil die Bekleidung entsprechend spärlich ausgestattet ist. Wir versuchen entsprechend schnell auch aus dem Verkehrsgewühl rauszukommen und fahren über den Karrer Pass (1753 m) in das Herz der Dolomiten. Um dem Motto unserer Tour, stressfrei im Urlaub, gerecht zu werden, halten wir tatsächlich für einen Imbiss an. Es schmeckt natürlich in der Bergkulisse noch mal so gut, allerdings verzögert sich die Bezahlung etwas, da die Wirtsleute einen lautstarken italienischen Ehekrach haben. Ich wage mich zwar kurzzeitig vor in die Gaststube um anzufragen, habe jedoch das Gefühl, dass die Wirtshausluft ohrfeigengeschwängert ist und nehme von einer entsprechenden Anfrage Abstand. Obwohl der Saunaeffekt in den Motorradstiefeln immer größer wird, raffen wir uns zur Sellarunde auf. Diese besteht aus Sellajoch (2214 m) - Grödner Joch (2121 m) - Passo di Campologno (1875 m) - und Pordoj (2239 m). Großartige Ausführungen zu dieser Strecke sind nicht zu treffen, diese sind in jedem Reiseführer und in jedem sommerlichen Motorradheft besser beinhaltet. Nach erfolgreicher Absolvierung der Sellerrunde geht es weiter Richtung Fedaja, wo wir auf dem Campingplatz Canazei von drei fröhlichen mittelalten Damen angebaggert werden – oder war der Wein so gut ?
Montag 27.06.2005. Besänftigt durch das abendliche Alpen-glühen haben wir eine ruhige Nacht. Der Campingplatz ist so gelegen, dass es nur wenige Meter bis zum Passo di Fedaia (2057 m) ist. Wir haben damit bereits die hauptsächlich befahrenen Strecken innerhalb der Alpen verlassen, was sich unmittelbar darin wiederspiegelt, dass der Verkehr deutlich nachlässt und auch die Straßen wieder urtümlicher werden. Vorbei am Monte Pelmo geht es über
Passo Di Creda (1369 m). Über Ronco geht es schließlich hoch bis zum
Passo Brocon (1616 m) sowie dann über Strigno zum Lac Di Corlo.
Auch wenn sich die vorstehenden Pässe hinsichtlich ihrer Höhe wenig
spektakulär anhören, so handelt es sich doch dabei um Strecken, die im
wesentlichen in den letzten Jahrzehnten unverändert belassen geworden
sind. Das beinhaltet selbstverständlich zum Teil auch unasphaltierte
Strecken sowie einspurige Führung.
Am Campingplatz angekommen können Martin und ich es nicht lassen noch
schnell Richtung Bassano zum Shopping runter zu fahren. Bei knapp 40
Grad im Schatten kein leichtes Unterfangen und entsprechend schnell
kocht nicht nur der Motor sondern auch die Stiefelchen. Ebenso schnell
wie wir abgefahren sind drehen wie um und schließen zu Sascha und Klaus
auf, die die Sitaution schon früher erkannt haben und schon dabei sind

Am Abend haben wir auf dem Campingplatz noch das Glück einer
Familienfeier der weniger gehobenen Art mitzuerleben.
Dienstag 28.06.2005.

Tag werden wir noch weiter in die Bucht von Venedig hineinfahren und den
nur 706 m hohen Passo Di San Boldo befahren. Der Passo Di San Boldo
zeichnet sich einzig dadurch aus, dass seine Kehren in unbeleuchtete
Tunnel eingehauen sind und zudem noch einspurig geführt werden. Die im
Reiseführer beschriebenen Geschichten, dass Wohnmobile stecken geblieben
sind, sind durchaus nachvollziehbar, der größte Teil der Strecke ist
aber durch die Einrichtung einer Ampelanlage zwischenzeitlich
entschärft. Da wir jetzt sehr weit nach Süden gekommen sind, müssen wir
wieder uns über eine der Hauptverkehrsstrecken an Belluno vorbei bis
Piave Di Cadore hochquälen. Weiter geht es über den Passo Di Mauria, wo
wir im unten gelegenen Ort lang auf Klaus und Sascha warten müssen. Von
wegen lang, eben das hat Klaus bei der Abfahrt gemacht, wobei wir,
wartend im Höllenlärm der Kirchenglocken sicherlich den größeren Schaden
genommen haben.

Caniza einen kleinen unscheinbaren Pass, der zum Teil noch unbefestigt
ist und erahnen läßt, wie der östlich gelegene Teil der Alpen insgesamt
ausgestaltet ist.
Am Ende dieser Passstrecke befindet sich bereits der Übergang nach
Slovenien, von wo aus nur noch wenige Kilometer bis nach Bovec sind. Der
Abend auf dem bereits bekannten Campingplatz Soca verläuft wie immer
harmonisch im Regen unter unserer Plane, wobei wir diesmal auch deutlich
mehr Platz haben, da es Sascha vorzieht noch im Regen sein Zelt
aufzubauen.

Vom Campingplatz Soca
sind es nur wenige Kilometer bis zum Pass Virzic (1611m) und eigentlich
kaum zu verfehlen – aber diesmal drei links eins rechts - und so suchen
wir unser Schnürr-stiefelmitglied. Der will dann die verlorene Zeit
wieder aufholen, zeichnet sich durch seine progressive Fahrweise aus und
versucht sogar einen
Reisebus zu rammen. Aber auch dass haben wir gut überstanden und so ist
nicht mehr weit bis zu Martins Ziel, dem Einkauf, Entschuldigung,
Villach. Kaum in Villach angekommen überfällt Martin heftiger
Konsumdruck, der zunächst in einem der größten Sportläden der Umgebung
befriedigt werden muss. Der Ehrenrettung halber muss ich allerdings
zugeben, dass ich auch meinerseits in einen leichten Kaufrausch verfalle
und die andere Hälfte der reduzierten T-Shirts aufkaufe. Leider hat
Sascha auch noch einen Baseball gekauft, der in der Wartezeit am Bahnhof
auf den Autoreisezug in kürzester Zeit zu erheblichem Chaos und
Verletzungen sorgt. Erst die Entfernung des Balls aus Martins Händen
bringt wieder Ruhe.

Die Rückfahrt gestaltet sich obligat unspektakulär, führt allerdings zu
der Erkenntnis, dass wir in Zukunft von Frankfurt aus abfahren werden,
da der Autoreisezug zwar bereits morgens um sechs Uhr in Frankfurt ist,
Düsseldorf aber erst weit nach zehn Uhr erreicht. Für die gleiche
Fahrtstrecke von Frankfurt bis Bonn hätten wir hingegen nur anderthalb
Stunden gebraucht.
Anstatt Spanngurte zu klauen fragt Sascha dann bei der Autoentladung um
eine entsprechende Gabe und wird, da anscheinend auch die Angestellten
davon ausgehen, dass die Spanngurte nur geklaut werden, verwundert
angeschaut..
Die gemeinsame Motorradtour hat uns auch in diesem Jahr wieder so gut
gefallen, dass wir das nächste Reiseziel bereits ins Auge gefasst
haben, Guter Mann Tours 2006 wird uns entsprechend in das Herz der
Pyrenäen führen.

Zusatz: Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Berichtes ist der Autoreisezug von Frankfurt nach Narbonne gebucht und Gitte weiss auch schon davon.